Rückstellungen

Rückstellungen sind eine besondere Herausforderung für das betriebliche Rechnungswesen und werfen regelmäßig Fragen auf. Wir wollen hier nicht alle Fragen beantworten, sondern nach und nach die gängigen Rückstellungen vorstellen,

Rückstellung für die Aufbewahrung von Geschäftsunterlagen in Papier- oder digitaler Form

Zu den berücksichtigungsfähigen Kosten gehören Sach- und Personalkosten für das Einscannen oder Einlagern der Unterlagen, Kosten für das Brennen von Datenträgern wie CD oder DVD, Kosten für die Datensicherung, Raumkosten, AfA für die Regale und Schränke sowie die anteiligen Finanzierungskosten bzw. der Zinsanteil aus den Leasingraten für den Server, den PC oder die Archivräume.

 

 

 

Die jährlich anfallenden Kosten können mit dem Faktor von 5,5 multipliziert werden. Eine Unterscheidung zwischen den zehn und sechs Jahre lang aufzubewahrenden Unterlagen ist nicht erforderlich. Kosten, die nur einmalig anfallen, dürfen nur mit ihrem Einmalbetrag angesetzt werden.

 

 

 

Die Rückstellung ist nicht abzuzinsen, weil die Aufbewahrungspflicht bereits mit der Entstehung der Unterlagen beginnt. Außerdem darf der handelsbilanzielle Ansatz nicht überschritten werden.

 

I. Rückstellung dem Grunde nach

 

Für die zu erwartenden Aufwendungen für die Aufbewahrung von Geschäftsunterlagen ist eine Rückstellung für ungewisse Verbindlichkeiten zu bilden, weil dafür eine öffentlich-rechtliche Aufbewahrungspflicht (§ 257 HGB , § 147 AO sowie Einzelsteuergesetze) besteht (BFH-Urteil vom 19. August 2002, BStBl 2003 II S. 131 ). Die Passivierungspflicht besteht sowohl in der Handelsbilanz als auch (über den Maßgeblichkeitsgrundsatz) in der Steuerbilanz.

 

Bei der Bildung dieser Rückstellung ist zu berücksichtigen, welche Unterlagen tatsächlich aufbewahrungspflichtig sind und wie lange die Aufbewahrungspflicht für einzelne Unterlagen noch besteht (vgl. H 6.11 – Aufbewahrung von Geschäftsunterlagen – EStH 2014 ).

 

 Es besteht nicht für alle Unterlagen eine gesetzliche Aufbewahrungspflicht von zehn Jahren. Einige Unterlagen sind nur über einen kürzeren Zeitraum oder auch gar nicht gesetzlich aufzubewahren. Zehn Jahre lang aufzubewahren sind insbesondere Jahresabschlüsse mit allen dazugehörenden Unterlagen, Buchungsbelegen (§ 257 Abs. 1 Nr. 1 und 4 i. V. m. Abs. 4 HGB , § 147 Abs. 1 Nr. 1 und 4 i. V. m. Abs. 3 AO ) sowie Ein- und Ausgangsrechnungen (§ 14b UStG ). Handels- und Geschäftsbriefe sowie sonstige Unterlagen, soweit sie für die Besteuerung von Bedeutung sind, sind sechs Jahre lang aufzubewahren (§ 257 Abs. 1 Nr. 2 und 3 i. V. m. Abs. 4 HGB , § 147 Abs. 1 Nr. 2 und 3 i. V. m. Abs. 3 AO ). Werden Unterlagen freiwillig länger aufbewahrt, fehlt es an der rechtlichen Verpflichtung. Eine Rückstellung kommt insoweit nicht in Betracht. Die Höhe des rückstellungsfähigen Aufwandes kann daher nur im Einzelfall festgestellt werden. Dabei kommt es vor allem darauf an, wie sich die aufbewahrten Unterlagen zusammensetzen. Sind Feststellungen zur Zusammensetzung der aufbewahrten Unterlagen im Einzelfall nicht oder nur unter erheblichem Aufwand möglich, bestehen keine Bedenken, für Unterlagen, zu deren Aufbewahrung der Unternehmer  nicht  verpflichtet ist, einen Abschlag von 20 v. H. von den Gesamtkosten vorzunehmen.

 

II. Rückstellung der Höhe nach

 

a) Berücksichtigungsfähige Kosten

 

Die Rückstellung ist mit dem Betrag zu passivieren, der nach den Preisverhältnissen des jeweiligen Bilanzstichtages für die Erfüllung der Verpflichtung voraussichtlich notwendig ist. Die Sachleistungsverpflichtung ist mit den Einzelkosten und einem angemessenen Teil der notwendigen Gemeinkosten zu bewerten (§ 6 Abs. 1 Nr. 3a Buchstabe b EStG ).

 

Bei der Berechnung sind folgende Kosten einzubeziehen:

 

             einmaliger Aufwand für das Einscannen oder die Einlagerung der  am Bilanzstichtag  noch nicht archivierten Unterlagen  für das abgelaufene Wirtschaftsjahr , für das Brennen von DVD/CD und für die Datensicherung (Sach- und Personalkosten). Die Kosten für die  fortlaufende Archivierung im  laufenden  Veranlagungszeitraum bis zum Bilanzstichtag  sind nicht einzubeziehen.

 

             Raumkosten (anteilige Miete bzw. Gebäude-AfA, Grundsteuer, Gebäudeversicherung, Instandhaltung, Heizung, Strom) für Räumlichkeiten, die der Aufbewahrung von Geschäftsunterlagen dienen. Soweit im Zusammenhang mit der digitalen Speicherung noch ein Raumbedarf besteht (z. B. für einen anteiligen PC-Arbeitsplatz, bei größeren Betrieben für einen (anteiligen) Server oder für Lagerungszwecke), dürfte bei kleineren und mittleren Betrieben nur noch ein geringer Platzbedarf bestehen, der entsprechend auch nur anteilig zu berücksichtigen ist.

 

             Einrichtungsgegenstände (AfA für Regale und Schränke), es sei denn, diese sind bereits abgeschrieben. (Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass die Archivierung weiterhin mit den vorhandenen Regalsystemen erfolgt.)

 

             anteilige Finanzierungskosten für den Server, den PC oder die Archivräume (BFH-Urteil vom 11. Oktober 2012, BStBl 2013 II, S. 676 , Änderung der Rechtsprechung),

 

             der Zinsanteil aus Leasingraten (z. B. für die o. g. technischen Geräte oder für Archivräume), wenn der Leasingnehmer nicht wirtschaftlicher Eigentümer des Leasinggegenstandes ist (Folge aus dem BFH-Urteil vom 11. Oktober 2012, a. a. O).

 

 

 

Nicht rückstellungsfähig sind

 

             die Kosten für die zukünftige Anschaffung von zusätzlichen Regalen und Ordnern (§ 5 Abs. 4b Satz 1 EStG ),

 

             die Kosten für die Entsorgung der Unterlagen nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist und

 

             die Kosten für die Einlagerung künftig entstehender Unterlagen.

 

b) Berechnung der Rückstellung

 

Die Rückstellung kann nach zwei Methoden berechnet werden:

 

   1. Möglichkeit:  

 

Die jährlichen Kosten werden für die Unterlagen eines jeden aufzubewahrenden Jahres gesondert ermittelt. Dieser Betrag ist dann jeweils mit der Anzahl der Jahre bis zum Ablauf der Aufbewahrungsfrist zu multiplizieren.

 

   2. Möglichkeit:  

 

Die jährlich anfallenden rückstellungsfähigen Kosten können mit dem Faktor 5,5 multipliziert werden (arithmetisches Mittel der Jahre eins bis zehn). In der Praxis wird die Rückstellung für die Aufbewahrung von Geschäftsunterlagen üblicherweise nach dieser Berechnungsmethode ermittelt. Eine Unterscheidung zwischen den zehn und sechs Jahre lang aufzubewahrenden Unterlagen kann in der Regel insoweit aus Vereinfachungsgründen unterbleiben.

 

Die Aufwendungen für das Einscannen, die Einlagerung und Datensicherung fallen nur einmal an; sie sind deshalb nicht zu vervielfältigen.

 

c) Abzinsung der Rückstellung

 

Eine Rückstellung für die Aufbewahrung von Geschäftsunterlagen ist nicht abzuzinsen. Für die Abzinsung ist nach § 6 Abs. 1 Nr. 3a Buchstabe e S. 2 EStG der Zeitraum bis zum Beginn der Erfüllung maßgebend. Da die Aufbewahrungspflicht aber mit dem Entstehen der Unterlagen beginnt, ergibt sich hier kein Abzinsungszeitraum.

 

d) Handelsrechtlicher Höchstansatz

 

Mit R 6.11 EStR 2012 ist neu geregelt worden, dass mit Ausnahme von Pensionsrückstellungen die Höhe der Rückstellung in der Steuerbilanz den zulässigen Ansatz in der Handelsbilanz nicht überschreiten darf. Der BFH hat diese Auffassung zwischenzeitlich mit Urteil vom 11. Oktober 2012, a. a. O., bestätigt. Zur genauen Begründung und zeitlichen Anwendung dieser Regelung Hinweis auf ESt-Kartei § 5 EStG Karte 5.3.

 

III. Bilanzberichtigung

 

Die hier dargestellten Änderungen der Rechtsprechung (Bildung der Rückstellung dem Grunde nach, BFH-Urteil vom 19. August 2002, a. a. O. und Rückstellungsfähigkeit von Finanzierungskosten, BFH-Urteil vom 11. Oktober 2012, a. a. O.) sind in allen noch offenen Fällen anzuwenden. Bilanzberichtigungen wegen Änderung der Rechtsprechung sind nach der Aufgabe des subjektiven Fehlerbegriffs durch den BFH (Beschluss vom 31. Januar 2013, GrS 1/10 , BStBl 2013 II S. 317 ) im ersten noch nicht bestandskräftig veranlagten Veranlagungszeitraum möglich (vgl. ESt-Kartei § 4 EStG Nr. 3.1)

 

Eine Vorlage für die Berechnung der Rückstellung findet sich im OFD-Vorlagenverzeichnis/Allgemeine Prüffelder/Passiva/RSt Rückstellung Geschäftsunterlagen.

 

IV. Beispiele

 

1. Beispiel:

 

Das Einzelunternehmen X bewahrt seine Geschäftsunterlagen  in digitaler Form  am Arbeitsplatz des Büromitarbeiters auf. Zusätzlich wird eine Datensicherungs-DVD in einem Büroschrank verwahrt:

 

 

 

AfA und Unterhaltskosten für den PC-Arbeitsplatz (anteilige Raumkosten für 2 m 2 zuzüglich anteilige AfA PC-Arbeitsplatz jährlich)

 600,00 EUR

(anteilige) AfA für den Büroschrank (jährlich)

 100,00 EUR

Kosten für die Datensicherung (einmalig)

 5,00 EUR

 

 

 

Die Rückstellung kann wie folgt berechnet werden:

 

 

 

Anteilige Sachkosten für den PC-Arbeitsplatz

  

 600,00 EUR

AfA für den Büroschrank

  

 100,00 EUR

jährlich anfallende rückstellungsfähige Kosten

  

 700,00 EUR

  

 5,5 =

 3.850,00 EUR

Kosten für die Datensicherung (einmalig)

  

 5,00 EUR

Rückstellungsbetrag

  

 3.855,00 EUR

 

 

 

2. Beispiel:

 

Das Einzelunternehmen X bewahrt seine Geschäftsunterlagen  in Papierform  in einem Nebenraum seines Betriebsgebäudes mit einer Größe von 10 m 2 auf. Nach dem Bilanzstichtag ist mit folgenden Aufwendungen für die Aufbewahrung von (vorhandenen) Geschäftsunterlagen zu rechnen:

 

 

 

Anteilige AfA und Unterhaltskosten für den Nebenraum (10 m 2, jährlich)

 800,00 EUR

AfA für Einrichtungsgegenstände (jährlich)

 300,00 EUR

Kosten der Soft- und Hardware für die Lesbarmachung der Daten

 200,00 EUR

Kosten für die Datensicherung (einmalig)

 100,00 EUR

 

 

 

Die Rückstellung kann wie folgt berechnet werden:

 

 

 

Anteilige AfA und Unterhaltskosten für den Nebenraum

  

 800,00 EUR

AfA für Einrichtungsgegenstände

  

 300,00 EUR

Kosten für die Hard- und Software zur Lesbarmachung der Daten

  

 200,00 EUR

jährlich anfallende rückstellungsfähige Kosten

  

 1.300,00 EUR

  

 x 5,5 =

 7.150,00 EUR

Kosten der Datensicherung

  

 100,00 EUR

Rückstellungsbetrag

  

 7.250,00 EUR

 

 

 

 

 

 

 

Hinweis: Dieser Artikel ist vom 19.01.2016. Bitte achten Sie darauf, dass Informationen zu der genannten Thematik bereits überholt sein könnten.